Frap Tools: Ben Carey über Feedback-Patching, taktiles Design und resonante Modular-Workflows

26. Februar 2025

MILES

Frap Tools: Ben Carey über Feedback-Patching, taktiles Design und resonante Modular-Workflows

In dieser Folge von Frap Tools nimmt uns der australische Komponist und Pädagoge Ben Carey mit auf seine Reise vom klassischen Saxophon bis in die unvorhersehbare Welt der Modularsynthese. Das Gespräch taucht tief in die haptischen Freuden des Patchens ein, beleuchtet den kreativen Unterschied zwischen selbstgebauten und fertigen Synthesizern und widmet sich dem einzigartigen Charakter von Feedback und Resonanz in Modular-Patches. Mit trockenem Humor und patchorientierter Perspektive werden nicht nur die technischen Details von Careys aktuellem Patch, sondern auch die philosophischen und praktischen Gründe ergründet, warum Hands-on-Kontrolle und generative Prozesse das Herzstück inspirierender elektronischer Musik bleiben. Wer sich für die realen Eigenheiten von Feedback, Clocks und Interface-Design interessiert, sollte hier unbedingt reinhören.

Vom Saxophon zum Lötkolben: Ben Careys Modular-Reise

Ben Careys Weg zur Modularsynthese ist alles andere als typisch. Als klassisch ausgebildeter Saxophonist drehte sich sein frühes Musikerleben um Blasorchester, Kammermusik und das Interpretieren zeitgenössischer Werke. Elektronische Musik kam dagegen erst viel später ins Spiel – zunächst durch Experimente mit Software wie Pure Data und Max/MSP. Dieser softwarezentrierte Ansatz ermöglichte Carey, Improvisation und interaktive Performances zu erforschen, oft mit dem Saxophon auf unkonventionelle Weise – etwa durch Feedback-Techniken, inspiriert von John Butcher und der experimentellen Szene Sydneys.

Mit wachsendem Interesse an elektronischem Sound wuchsen auch Careys technische Fähigkeiten. Seine Reise führte ihn von der Entwicklung interaktiver Softwareumgebungen hin zu Experimenten mit analogem Equipment und schließlich in die Welt der Modularsysteme. Der Wechsel bedeutete nicht nur den Tausch von Kabeln gegen Code, sondern auch das Annehmen der unmittelbaren Haptik und der Einschränkungen von Hardware. Für Carey wurde die Modularsynthese sowohl zum kompositorischen Werkzeug als auch zum Performance-Instrument und bot eine Hands-on-Schnittstelle, die Software schlicht nicht bieten konnte.


Eigenbau vs. Fertigsynths: Die kreative Trennlinie

Das Gespräch wendet sich schnell dem philosophischen Unterschied zwischen dem Bau eigener Instrumente und der Arbeit mit fertigen Synthesizern zu. Careys Hintergrund im Low-Level-Programming bedeutete, dass er es gewohnt war, Klang von Grund auf zu formen – doch er fand etwas Befreiendes in den Begrenzungen der Hardware. Anders als das „Blank-Slate“-Grauen eines Max-Patches präsentiert ein Modularsystem eine endliche Menge an Möglichkeiten und lädt so zur Kreativität durch Einschränkung ein.

Physische Interaktion ist ein wiederkehrendes Thema. Die Fähigkeit, zwei Parameter gleichzeitig zu regeln, das Ansprechverhalten eines Potis oder Faders zu spüren und das Instrument stets spielbereit zu haben – das sind Qualitäten, die digitale Umgebungen nur schwer nachbilden können. Analoge Geräte fördern einen intuitiveren, verzeihenden Ansatz, in dem Annäherung und glückliche Zufälle Teil des Prozesses sind. Digitale Tools hingegen verlangen oft ein Maß an Präzision und Mapping, das Spontaneität im Keim ersticken kann.

Es gibt Einschränkungen. Man kann mit wenig Equipment sehr viel machen, und das, was vor einem steht, lädt zum Spielen ein.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Feedback-Knoten: Resonanz und Patch-Techniken

Die erste Quelle dieses Patches entstand aus der Überlegung zu gepingten Filtern und wie sehr ich den Klang von gepingten Filtern liebe…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Careys Patch-Breakdown ist eine Meisterklasse im Feedback-Patching und in Resonanztechniken. Das Herzstück des Patches ist ein „Pinged Filter“-Setup, bei dem das Tokyo Tape Music Center Tambur and Gate einen Serge VCFQ-Filter anregt, während zufällige Clocks aus SAPÈL über ein 321-Utility kombiniert werden, um komplexe rhythmische Trigger zu erzeugen. Resonanz und Pitch des Filters werden durch eine Mischung aus Sample-and-Hold-Spannungen und LFOs moduliert, während Feedback-Wege entstehen, indem der Filterausgang zurück in sich selbst und in die Wavefolder-CV-Eingänge geführt wird – das Ergebnis sind sich entwickelnde, unvorhersehbare Texturen.

Resonanz wird weiter durch Mutable Instruments Rings und Make Noise Morphagene erforscht. Rings ist auf das String-Modell mit unendlichem Sustain eingestellt, dessen Position durch Zufallsspannungen moduliert wird, um sich verändernde harmonische Schichten zu schaffen. Morphagene dient als Live-Sampler, der nicht das Hauptfilter, sondern den Ausgang von Rings aufnimmt und weiterverarbeitet – so entsteht eine Feedback-Schleife, in der eine Resonanzquelle die andere sampelt. Dieser Ansatz umgeht klischeehafte Reverb-Effekte und erzeugt einen organischeren, sich entwickelnden Raumklang.

Die Komplexität des Patches wird durch die Integration von Frap Tools Brenso erhöht, das sowohl von internen als auch externen Feedback-Quellen moduliert wird, darunter Blue Noise und verschiedene FM-Wege. Sync- und Ringmodulationseingänge werden dynamisch gesteuert, und ein Belgrad Dual Peak Filter sorgt für zusätzliche klangliche Bewegung. Das Ergebnis ist eine dichte, dunkle und verknotete Klanglandschaft – ein Beweis dafür, dass Feedback, wenn es gezähmt wird, sowohl Chaos als auch Kontrolle liefern kann.

Generative Prozesse: Zufall mit Absicht

Generative Techniken stehen im Zentrum von Careys Ansatz, doch er unterscheidet klar zwischen Zufall um des Zufalls willen und Zufall als kompositorisches Werkzeug. Durch die Kombination mehrerer Clocks, geslewter Spannungen und gezielt geführter Feedbacks entstehen Patches, die selbst ihren Schöpfer überraschen – jedoch immer innerhalb eines definierten Rahmens. Es geht nicht darum, die Kontrolle völlig abzugeben, sondern Prozesse zu schaffen, die neues Material generieren und dabei musikalisch kohärent bleiben.

Careys Einsatz von Morphagene als Live-Sampler, getaktet von unregelmäßigen Gates und gespeist von anderen Resonanzquellen, verkörpert diese Philosophie. Der Patch entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter, wobei Feedback- und Modulationsebenen auf eine Weise interagieren, die auf Makroebene deterministisch, im Detail aber unvorhersehbar ist. Es ist ein Balanceakt zwischen Struktur und Überraschung, bei dem die Maschine zum Mitgestalter wird.

Was ich in aller Musik als Performer und Hörer wirklich mag, ist, wenn ich völlig überrascht und verblüfft bin von dem, was innerhalb…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Die Zukunft der Haptik: Modul-Wunschlisten und Interface-Träume

Für mich fühlt sich das CGM-System wie eine Möglichkeit an, Dinge zu modellieren.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Zum Abschluss des Gesprächs richtet sich der Blick auf die Zukunft des Modular-Designs. Carey äußert den Wunsch nach mehr taktilen Controllern – Fader, Buttons, Touchflächen –, die sich nahtlos ins Modularsystem integrieren lassen, ohne komplexes Mapping oder Konfiguration. Er betont die Bedeutung der Körperlichkeit im Spiel und schlägt vor, dass die nächste große Entwicklung bei Frap Tools ein dediziertes Control-Interface sein könnte, das die Flexibilität von Modulen wie USTA und dem CGM-Mixer ergänzt.

Trotz aller Raffinesse moderner digitaler und analoger Tools sind es letztlich die Instrumente, die zur direkten, intuitiven Interaktion einladen, die am meisten inspirieren. Ob es nun die Eigenheiten eines Ribbon-Controllers sind oder die Unmittelbarkeit eines Buttons, der einfach ein Gate ausgibt – das Haptische bleibt das Herz kreativer Modulararbeit. Während die Wunschliste für neue Module wächst, besteht die Herausforderung darin, Werkzeuge zu entwerfen, die Kontrolle und Serendipität gleichermaßen fördern – und so den Patch-Geist lebendig halten.

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