Was passiert, wenn man ein menschliches Gehirn an eine Wand aus Modularsynths anschließt? Im Erica Synths Garage zeigt Komponist und Forscher Jachin Pousson eine Live-Demonstration, die gleichermaßen aus Neurowissenschaft und Patchkunst besteht. Mit Brain-Computer Music Interfacing (BCMI) steuert Pousson ein Synthesizer-Quartett über seine EEG-Signale und lässt so seinen emotionalen Zustand und seine Konzentration Tempo, Effekte und sogar die Raumbeleuchtung modulieren. Diese Performance ist nicht nur eine technische Machbarkeitsstudie – sie gewährt einen Ausblick auf die Zukunft ausdrucksstarker, biofeedback-gesteuerter Modularmusik, eingebettet in das charakteristisch düstere, experimentelle Sounduniversum von Erica Synths.

30. Januar 2025
MILES
Erica Synths: Gehirnwellen treffen Patchkabel – Jachin Poussons BCMI-Performance im Garage
Neuronen, Kabel und modulare Träume
Jachin Poussons Auftritt im Erica Synths Garage ist alles andere als eine gewöhnliche Patch-Session. Vielmehr ist es das Ergebnis jahrelanger Forschung an der Schnittstelle von Neurowissenschaft und modularer Synthese: Pousson verbindet sein Gehirn direkt per EEG mit dem Modularsystem. Die Idee ist so simpel wie radikal: Gehirnspannung wird zu Steuerspannung und macht den mentalen Zustand des Performers zum Werkzeug für Live-Patching.
Dabei handelt es sich keineswegs um ein einmaliges Experiment, sondern um das Resultat von fünf Jahren Forschung an der Lettischen Musikakademie, wo Pousson und seine Mitstreiter Brain-Computer-Interfaces für musikalische Performances entwickeln. Der Ansatz ist praktisch und iterativ: Jeder neue Proband benötigt eine individuelle Kalibrierung der Schwellenwerte, damit die eigenen Gehirnsignale sinnvoll in Steuerspannungen übersetzt werden. So entsteht ein Live-Setup, in dem Neurofeedback kein Gimmick, sondern ein echter kreativer Motor ist.

"Das EEG misst Spannung und Spannung steuert Synthesizer."
("The EEG measures voltage and voltage controls synthesizers.")© Screenshot/Zitat: Ericasynths (YouTube)
Gedankenkontrolle in Echtzeit: Das modulare Setup

"Auf dem Bildschirm habe ich 16 Parameter, die aus meinen Gehirnwellen dekodiert werden."
("On the screen here, I've got 16 parameters, which are decoded from my brain waves.")© Screenshot/Zitat: Ericasynths (YouTube)
Das Herzstück von Poussons Setup ist ein Quartett aus Synthesizern, die jeweils unterschiedlichen Stimmen nachempfunden sind, ursprünglich für klassische Ensembles gedacht. Das Besondere: Die Echtzeitsteuerung dieser Synths erfolgt über Gehirnsignale, die per EEG erfasst und in 16 verschiedene Parameter dekodiert werden. Diese Parameter steuern Effekte – Poussons Gehirnwellen agieren wie ein lebendiger MIDI-Controller, unvorhersehbar und ausdrucksstark zugleich.
Eine zentrale technische Herausforderung ist das Setzen der richtigen Schwellenwerte für jeden Performer, denn Aufregung oder Nervosität können die Kalibrierung kurz vor der Show durcheinanderbringen. Pousson beschreibt den Prozess als Balanceakt, der ständige Anpassung erfordert, damit der Einfluss des Gehirns musikalisch bleibt und nicht ins Chaos abdriftet. Das Modularsystem selbst ist ein Spielplatz: Das Erica Synths Studio bietet eine wahre Schatzkammer an Vintage- und Modern-Gear, bereit, von neuronalen Impulsen übernommen zu werden.
So entsteht eine immersive Klangumgebung, in der der emotionale Zustand und die Konzentration des Performers direkt auf klangliche Parameter abgebildet werden. Manche Aspekte bleiben manuell steuerbar, andere überlässt Pousson dem Gehirn – ein Feedback-Loop zwischen Geist, Maschine und Publikum. Das Setup verwischt die Grenze zwischen Performer und Instrument und lässt die Modularwand fast lebendig erscheinen.
Von Akkordeons zu Arpeggiatoren: Klassik trifft Modular
Poussons Set besteht aus erweiterten Versionen zweier Kompositionen: „Circuitry“ und „Downhill Ski“. Beide Stücke wurden ursprünglich für klassische Ensembles geschrieben – vier Akkordeons und zwei Celli beziehungsweise zwei Klaviere und zwei Marimbas – und nun für modulare Synthese adaptiert. Die Zuordnung ist wörtlich: Jeder der vier Synths übernimmt die Rolle eines Originalinstruments und erhält so die strukturelle Interaktion, während sich neue klangliche Möglichkeiten eröffnen.
Trotz des Wechsels der Instrumentierung bleibt das Wesen der Kompositionen erhalten. „Circuitry“ setzt stark auf Arpeggiatoren und analoge Texturen und greift damit die ursprüngliche Inspiration durch Synthesizerklänge auf. „Downhill Ski“ hingegen dreht sich ganz um Flow und Koordination – ein Spiegelbild für das Navigieren komplexer Modularpatches oder, wie Pousson es beschreibt, das Gefühl eines Skifahrers, der einen Hang hinunterrast. Die modulare Adaption ist keine rein technische Fingerübung, sondern eine kreative Übersetzung, die die Stärken beider Welten verbindet.
Gehirnwellen als Modulatoren: Kreative Workflows im Einsatz
Besonders eindrucksvoll ist, wie Pousson seine Gehirnaktivität auf zentrale musikalische Parameter abbildet. So steuert sein mentaler Zustand direkt das Tempo, was zu subtilen (und manchmal weniger subtilen) Schwankungen führt, die Fokus und Aufregung widerspiegeln. Pousson vergleicht das mit dem Spielen mit einem Drummer, der nie ganz im Takt bleibt – eine Herausforderung, aber auch eine Quelle organischer Unvorhersehbarkeit.
Neben dem Tempo beeinflusst das Gehirn auch Effekte und sogar die Raumbeleuchtung. Die EEG-Daten werden dekodiert und über ein MIDI-CV-Interface in Echtzeit auf Effekte geroutet. Das Lichtsystem wechselt zwischen Rot und Blau, je nach Ausdrucksintention: Rot steht für Intensität, Blau für Ruhe – ein visuelles Feedback, das den emotionalen Bogen der Musik widerspiegelt.
Dieses dynamische Zusammenspiel von Performer und Technologie zeigt das Potenzial von BCMI im modularen Live-Kontext. Das System reagiert sensibel auf Aufmerksamkeits- und Emotionswechsel, bleibt aber robust genug für die unvermeidlichen Störungen und Unwägbarkeiten von Live-EEG-Daten. Es ist ein Workflow, der technisches Feingefühl und die Bereitschaft zum Loslassen verlangt – und die Grenzen des Machbaren im Modularbereich verschiebt.

"Der Hauptparameter, auf den mein Gehirn in diesem Fall gemappt ist, ist das Tempo."
("The main parameter that my brain is mapped to in this case is the tempo.")© Screenshot/Zitat: Ericasynths (YouTube)
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