In dieser ausführlichen Folge des 4ms Company Podcasts erzählt Kaitlyn Aurelia Smith, wie ein Buchla 100 Synthesizer ihren unverwechselbaren Weg von der Komposition zur Synthese prägte. Das Gespräch beleuchtet ihr vielseitiges Werk – von hochkarätigen Kollaborationen bis hin zu ihrem kommenden, von Drum & Bass inspirierten Album ‚Ruin: It’s Not Just Music‘. Smiths ganzheitliche Philosophie verbindet Alltagskunst, Natur und Technologie und bietet seltene Einblicke in die kreativen Prozesse einer der visionärsten Künstlerinnen der elektronischen Musik. Für Digital- und Modular-Synth-Nerds ist dies ein seltener, workflow-orientierter Blick darauf, wie eine der fantasievollsten Komponistinnen der Szene ihre Klangwelt erschafft.

29. September 2026
LYRA
4ms Company Podcast: Kaitlyn Aurelia Smith über klangliche Neugier, Kollaboration und Ruin
Die eigene Stimme finden: Kaitlyns Ursprungsgeschichte mit Buchla
Kaitlyn Aurelia Smiths Weg in die Musik ist alles andere als gewöhnlich. Ihre ersten musikalischen Erkundungen begannen mit klassischer Gitarre im Alter von 18 Jahren, gefolgt von Klavierstudien. Doch sie fühlte sich mehr zur Komposition als zur instrumentalen Meisterschaft hingezogen, was sie dazu brachte, Tontechnik zu studieren und sogar eine Karriere in der Akustik in Betracht zu ziehen, bevor sie sich letztlich auf Komposition und Dirigieren konzentrierte. Die Studienzeit am Berklee College of Music schärfte ihre Vielseitigkeit und brachte sie mit unterschiedlichsten musikalischen Rollen und kollaborativen Umgebungen in Kontakt.
Der Wendepunkt in Smiths Laufbahn kam, als ihr ein Nachbar einen Buchla 100 Synthesizer lieh. Diese Begegnung verlagerte ihren kreativen Fokus von traditionellen Instrumenten hin zur Welt der modularen Synthese. Die unkonventionelle Bedienung und die klanglichen Möglichkeiten des Buchla wurden zum Kern ihrer Identität als Komponistin und Performerin. Smith beschreibt eine sofortige Faszination für das Schichten und Zusammenstellen von Klängen – ein architektonischer Ansatz, der ihre künstlerische Philosophie bis heute prägt.

"Es begann sofort mit Buchla-Geräten und es gab ein paar Experimente, Gitarre damit zu verweben."
© Screenshot/Zitat: 4Mscompany (YouTube)
Ein Kaleidoskop an Werken: Kollaborationen und Drum-&-Bass-Evolution

"Ich denke viel über die mentale Gesundheit von Künstler:innen nach, besonders jetzt, wo ich außerhalb der USA lebe und reise."
© Screenshot/Zitat: 4Mscompany (YouTube)
Smiths Diskografie liest sich wie eine Tour durch die Avantgarde der zeitgenössischen elektronischen Musik: von gefeierten Soloalben über Kollaborationen mit Größen wie Suzanne Ciani, Emile Mosseri und Joe Goddard bis hin zu Remixen für Künstler wie Perfume Genius und Danny Elfman. Jedes Projekt zeugt von ihrer Bereitschaft, neue kreative Territorien zu betreten – sie verweilt nie lange in einem Stil. Besonders ihr Album ‚The Kid‘ wurde von Rolling Stone ausgezeichnet, und ihre Werke wurden auf Bühnen vom Hollywood Bowl bis zu internationalen Symphonieorchestern aufgeführt. Sie betreibt zudem ihr eigenes Label und steuerte Musik zu Filmen bei, was ihre Reichweite weiter vergrößert.
Das kommende Album ‚Ruin: It’s Not Just Music‘ markiert eine bewusste Hinwendung zu Drum & Bass, Jungle und Dancefloor-Sounds – ein selbsternanntes Eintauchen in den ’sonischen Kampf‘. Smiths Aussagen zeigen, dass diese neue Richtung sowohl eine persönliche als auch technische Weiterentwicklung ist, die es ihr ermöglicht, ihre Liebe zu rhythmusbetonter Musik auszudrücken und mit Genres jenseits der Ambient- und Neoklassik-Welt zu experimentieren, für die sie bislang bekannt war.
Neugier als Praxis: Komposition, Rituale und künstlerische Haltung
Ein wiederkehrendes Motiv in Smiths Ansatz ist die bewusste Kultivierung von Neugier in allen Bereichen des Alltags. Sie betont, wie wichtig es ist, jede noch so kleine Handlung – vom Anrichten des Essens bis zur Wahl des Wasserglases – als künstlerischen Ausdruck zu begreifen. Diese detailverliebte Haltung hilft ihr, mit ihrem kreativen Kern verbunden zu bleiben, Burnout zu vermeiden und ihre Arbeit frisch zu halten.
Körperliche Bewegung ist für Smith essenziell. Sie beschreibt lange Spaziergänge und Bewegung als Schlüssel, um neue kreative Perspektiven zu erschließen – das Durchqueren von Räumen verbindet sie mit geistiger Entfaltung und Inspiration. Diese verkörperten Rituale verwischen die Grenzen zwischen Komposition und gelebter Erfahrung und stärken ihre ganzheitliche Philosophie.
Smith schildert zudem ein hochorganisiertes System zum Archivieren von Klängen, Samples und visuellen Inspirationen. Indem sie Material nach konzeptionellen Auslösern statt nach Instrument oder Klangfarbe sortiert, baut sie sich ein flexibles Toolkit auf, das spontane Kreativität – auch unter Stress oder auf Reisen – unterstützt. Diese Infrastruktur ermöglicht es ihr, kreative Ideen schnell zu finden und umzusetzen.

"Wirklich eine Praxis und Beziehung zur granularen Erfahrung von allem als künstlerischen Ausdruck aufrechterhalten."
© Screenshot/Zitat: 4Mscompany (YouTube)
Natur, Technologie und kreative Ökosysteme im Gleichgewicht
Smith sieht keinen Widerspruch zwischen ihrer Technikbegeisterung und ihrer Naturverbundenheit. Sie zieht Parallelen zwischen elektronischen Systemen und natürlichen Prozessen und betrachtet Kreativität selbst als eine Art Ökosystem oder Immunsystem – eines, das ständige Pflege braucht, um nicht zu stagnieren. Ihre Strategien gegen kreative Blockaden sind ebenso organisch: Statt auf feste Übungen zu setzen, hält sie ihre Praxis flexibel und reagiert auf ihre Umgebung und ihren Workflow, um Inspiration im Fluss zu halten.
Sie spricht über den Einfluss von Architektur und Akustik auf ihr kompositorisches Denken, verweist auf prägende Bücher und eigene Erfahrungen beim Gestalten von Klang für besondere Räume und Lautsprecher. Smith bevorzugt es, ihre Mixe durch Phasenauslöschung und Obertöne zu formen, statt stark auf EQ zu setzen, und sie passt Tracks oft an ungewöhnliche Wiedergabesysteme an – ein Zeichen ihres experimentellen Geistes.
Kollaboration – ob aus der Ferne oder persönlich – ist ein weiterer Schlüssel für Smiths kreative Widerstandsfähigkeit. Sie schätzt die Unvorhersehbarkeit und die Lernchancen, die sich aus der Arbeit mit unterschiedlichen Menschen und Settings ergeben, und hält so ihren Prozess dynamisch und selbst erneuernd.
Performance: Struktur, Spontaneität und Live-Übersetzung

"Wenn ich etwas schreibe, ohne es vorher zu bedenken, dann performe ich es meistens nie live."
© Screenshot/Zitat: 4Mscompany (YouTube)
Smiths Einblicke in Live-Performances zeigen einen wohlüberlegten Ansatz für die Einbindung des Publikums. Sie bereitet den Großteil ihres Sets im Voraus vor – sie braucht Struktur, um sich auf der Bühne wohlzufühlen und ihre Rolle als Vermittlerin für das Publikum ernst zu nehmen. Improvisation spielt eine kleinere, aber dennoch wichtige Rolle: Sie ermöglicht spontane Momente innerhalb eines überwiegend festgelegten Rahmens.
Für Smith ist Live-Performance untrennbar mit ihrem kompositorischen Denken verbunden. Sie komponiert meist mit dem Live-Kontext im Hinterkopf, sodass Stücke ohne große Umwege auf die Bühne gebracht werden können. Diese enge Verzahnung von Kreation und Performance hält das Material frisch, da sie das Repertoire je nach Venue und Publikum rotiert, oft unveröffentlichte Tracks einbaut oder Arrangements anpasst.
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