Frap Tools: Lukas Hermann über modulare Synthese, Literatur und die Kunst des Patchens

In dieser Episode von Frap Tools tauchen wir in die Welt von Lukas Hermann ein – ein deutscher Gelehrter, Musiker und Pädagoge, dessen modulare Synth-Kompositionen zwischen literarischer Inspiration und klanglicher Abstraktion balancieren. Frap Tools, bekannt für ihre designorientierten Eurorack-Module, führen ein Gespräch, das beleuchtet, wie Hermanns Ansatz beim Patchen, Modulieren und Community-Building sowohl seine Musik als auch die elektronische Szene in Westdeutschland prägt. Freuen Sie sich auf eine Reise durch wandelbare Texturen, improvisatorische Performances und die Philosophie, modulare Synthese für alle zugänglich zu machen. Wer sich für die Schnittstelle von Kunst, Bildung und die unvorhersehbaren Freuden von Patchkabeln interessiert, kommt hier auf seine Kosten.

Literatur, Leben und die modulare Muse

Lukas Hermanns Weg zur modularen Synthese ist alles andere als gewöhnlich. Mit einem Hintergrund in Literatur und klassischer Gitarre wurden seine frühen musikalischen Erkundungen sowohl durch strukturiertes Lernen als auch durch eine rastlose Neugier geprägt. Wie er berichtet, war der Wechsel von traditionellen Instrumenten zu modularen Synthesizern eine bewusste Entscheidung – getrieben vom Wunsch nach einem Instrument, das ihn kontinuierlich herausfordert und inspiriert. Das Modulare, mit seiner sich ständig verändernden Landschaft aus Modulen und Patch-Möglichkeiten, bot genau das: eine Plattform für ständige Neuerfindung.

Auffällig in Hermanns Erzählung ist, wie er den modularen Synthesizer nicht als festes Werkzeug, sondern als sich entwickelnden Partner künstlerischen Ausdrucks versteht. Selbst wenn er mit relativ stabilen Setups arbeitet – drei Cases, jedes ein „festes Instrument“ – findet er endlose Vielfalt, indem er Patch-Strategien und Performance-Techniken immer wieder neu denkt. Für Hermann ist das Patchen ebenso sehr ein Prozess des Lernens und Entdeckens wie der Klangerzeugung – ganz wie beim literarischen Schreiben, das durch Entwurf, Überarbeitung und Neuinterpretation lebt.

Nicht so konsequent wie bei modularen Synthesizern. Das ist mein Hauptproblem mit ihnen. Ich spiele gerne andere Synthesizer, aber ich…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Abstrakte Texturen und lyrische Formen: Das Patch als Poesie

Dieses Patch spiegelt etwas wider, das ich am Modularen sehr mag: die Fähigkeit, konventionelle melodische Sequenzierung mit sehr…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Hermanns Sounddesign ist ein Spiel der Gegensätze – lyrische Melodien verwoben mit abstrakten, teils schroffen Texturen. Sein Patch-Ansatz, wie im Video detailliert, ist sorgfältig und doch offen für Überraschungen. Mit Modulen wie Frap Tools’ Brenso, Fumana und Falistri, kombiniert mit Sequencern und externen Effekten, erschafft er klangliche Umgebungen, die sich mit einer Drehung am Regler oder einer Änderung der Modulationstiefe von Melodie zu Chaos verwandeln können.

Eine Schlüsseltechnik ist dabei die komplexe Modulationsführung, durch die Stimmen ihren Charakter wechseln und auf unvorhersehbare Weise interagieren. Die Fähigkeit, fließend zwischen konventioneller Sequenzierung und wilden, feedbackreichen Experimenten zu wechseln, ist zentral für Hermanns Ethos. Er zeigt, wie gezieltes Routing und direkter Zugriff – etwa per Touch-Strip, Zufallsgeneratoren und Funktionsgeneratoren – sowohl präzise musikalische Gesten als auch Momente herrlicher Instabilität ermöglichen. Das Resultat ist Musik, die lebendig wirkt und stets am Rand der Verwandlung steht.

Dynamisches Zusammenspiel: Stimmen im Dialog

Performance bedeutet für Hermann weniger das Ausführen eines vorgeplanten Scores, sondern vielmehr das Fördern eines Dialogs zwischen Stimmen, Texturen und Modulationsquellen. Das Video zeigt, wie er mehrere Oszillatoren, resonante Filter und Funktionsgeneratoren jongliert – nicht um den Hörer zu überfordern, sondern um ein dynamisches Zusammenspiel zu schaffen, bei dem jedes Element in den Vordergrund treten oder sich zurücknehmen kann.

So entsteht eine Komplexität auf mehreren Achsen: vertikal, mit vielen Stimmen gleichzeitig, und horizontal, da sich jede Stimme im Verlauf verändert. Hermanns Patches sind flexibel angelegt und erlauben es, im Moment zu morphen und spontan neue klangliche Beziehungen entstehen zu lassen. Das Wechselspiel zwischen menschlicher Intention und System-Unvorhersehbarkeit zieht sich als roter Faden durch seine Arbeit – Hermann begreift Kontrolle und Chaos als gleichwertige Zutaten seines musikalischen Schaffens.


Community, Bildung und der modulare Ethos

Über seine eigene Musik hinaus engagiert sich Hermann stark für Community-Building und den Zugang zur modularen Synthese. Als Mitbegründer von Eurorack Ruhr organisiert er Events, Workshops und kollaborative Performances in ganz Westdeutschland. Seine Bildungsarbeit reicht von Privatunterricht über Schulkurse bis zu öffentlichen Workshops – oft mit dem Ziel, Hürden für Einsteiger aller Altersgruppen abzubauen.

Hermanns Philosophie ist erfrischend egalitär: Modulare Synthesizer, so argumentiert er, sollten nicht als Luxusobjekte oder Sammlerstücke gelten, sondern als Instrumente für alle. Indem er Synths in Schulen und Gemeinderäume bringt und Konzerte an ungewöhnlichen Orten wie seinem eigenen Buchladen veranstaltet, schafft er Möglichkeiten für Musiker und Nicht-Musiker gleichermaßen, sich mit elektronischem Klang zu beschäftigen. Dieser Geist von Offenheit und Neugier prägt seinen Ansatz – ob er nun Kindern beibringt, angstfrei an Reglern zu drehen, oder erfahrene Künstler zu lokalen Festivals einlädt.

Man darf diese Instrumente nicht als Luxusobjekt oder etwas Anbetungswürdiges präsentieren, sondern muss die Leute einfach einladen, es…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Startling Cracks: Das Album als Erkundung

Ich verändere mich ständig, entwickle immer etwas weiter, bin aber auch immer wieder überrascht. Ich habe ein bisschen Angst vor dem…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Hermanns aktuelles Album „Startling Cracks“ dient als klangliches Manifest seines modularen Ansatzes. Das Release ist als Serie kontrastierender Stücke aufgebaut – jedes eine eigenständige Erkundung von Textur, Form und Unvorhersehbarkeit. Anstatt eine Sammlung polierter Skizzen zu präsentieren, zielt Hermann auf ein Gefühl von Bruch und Entdeckung ab und lädt die Hörer ein, sowohl die Verbindungen als auch die Lücken zwischen den Tracks zu erleben.

Das Album spiegelt denselben improvisatorischen, forschenden Geist wider, der auch seine Live-Arbeit prägt. Die Stücke sind kurz, vielfältig und bewusst gegeneinandergestellt, um die Unberechenbarkeit modularer Synthese und die Bedeutung von Fehlern und Überraschungen zu betonen. Für Hermann liegt die eigentliche Kunst darin, diese „Risse“ zu navigieren – jene Räume, in denen Erwartung zu Möglichkeit wird und das modulare System mit jedem Patch neue Klangwelten offenbart.

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