Frap Tools: Modale Kontrapunkte und modulare Ozeane – Trevor Tunnacliffes Patchkunst

13. August 2024

MILES

Frap Tools: Modale Kontrapunkte und modulare Ozeane – Trevor Tunnacliffes Patchkunst

Was passiert, wenn Renaissance-Kontrapunkt auf die spannungsgeladene Welt des Eurorack trifft? In dieser Episode des Frap Tools Podcasts führt uns Komponist und Multiinstrumentalist Trevor Tunnacliffe von der Viola da Gamba zum Modularsynthesizer und verwebt frühmusikalische Sensibilität mit zeitgenössischem Sounddesign. Das Gespräch taucht tief ein in modalen Kontrapunkt, die kompositorischen Eigenheiten des Unthunk-Kollektivs und die technische Kunstfertigkeit hinter einem Modular-Patch, das das Auf und Ab der Ozeanwellen nachbildet. Wie immer bei Frap Tools stehen durchdachtes Design, klangliche Details und die kreativen Möglichkeiten im Mittelpunkt, die entstehen, wenn historische Technik auf moderne modulare Workflows trifft.

Von der Gamba zum Eurorack: Trevor Tunnacliffes musikalische Welt

Trevor Tunnacliffe ist ein Komponist und Multiinstrumentalist, dessen musikalischer Weg die ferne Vergangenheit mit der modularen Gegenwart verbindet. Verwurzelt in Vancouver, Kanada, reichen seine Einflüsse bis zurück zum frühen Renaissance-Kontrapunkt – eine Faszination, die während seiner Zeit als Viola-da-Gamba-Spieler begann. Diese frühe Prägung durch historische Techniken bildet das Rückgrat seiner kompositorischen Stimme, auch wenn sich sein Instrumentarium weiterentwickelt hat.

Mit Unthunk, seinem Kollektivprojekt, vereint Tunnacliffe Bass, Gitarre und Modularsynthesizer zu Musik, die zwischen Kammermusik-Texturen und Pop-Sensibilitäten oszilliert. Das Repertoire der Gruppe ist ein eklektischer Mix aus Vokal- und Instrumentalstücken, verbunden durch das Bestreben, die Strenge der Alten Musik mit der Flexibilität moderner Werkzeuge zu verschmelzen. Ganz im Stil von Frap Tools bereitet das Video die Bühne für ein Gespräch, das ebenso sehr von musikalischer Philosophie wie von Technik handelt.


Eine Reise durch Instrumente und Intentionen

Tunnacliffes musikalische Reise verläuft alles andere als linear. Aufgewachsen in einer kleinen kanadischen Stadt mit kaum musikalischer Infrastruktur, fand er seinen Weg vom Trompete über den E-Bass schließlich zur Alten Musik – über Blockflöte und Viola da Gamba. Die musikalische Familiengeschichte – der Großvater an der Kirchenorgel, der Urgroßvater in einer Tanzband – war Inspiration, doch seinen eigenen Weg prägten Pragmatismus und Neugier.

Der Wechsel von klassischen Instrumenten zum Modularsynthesizer war von Notwendigkeit und kreativer Ambition getrieben. Tunnacliffe beschreibt, wie ihm die modulare Welt ermöglichte, das Kammerensemble in seinem Kopf zu realisieren: Komponieren, Sequenzieren und komplexe Stücke ohne die Zwänge traditioneller Aufführung umsetzen. Die Flexibilität von Eurorack, das sich für jedes Projekt in ein neues Instrument verwandeln lässt, war unwiderstehlich. So wurde das modulare Setup für ihn ein Mittel, nicht nur die Klangfarben akustischer Instrumente, sondern auch das komplexe Zusammenspiel der Stimmen der Alten Musik zu emulieren.

Die Flexibilität, die mich letztlich zum Einstieg bewegt hat, hat mehr Früchte getragen, als ich erwartet hätte.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Modaler Kontrapunkt: Renaissance-Wurzeln im modernen Kontext

Mensuralkanon bedeutet, dass eine Stimme zeitlich versetzt zur anderen spielt.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Im Zentrum von Tunnacliffes Ansatz steht der modale Kontrapunkt – eine Kompositionstechnik, geschärft von den Meistern und Pädagogen der Renaissance. Er lässt sich von Figuren wie Dufay, Ockeghem und Busnoys inspirieren und bevorzugt den freieren, lineareren Stil der vor-palestrinischen Komponisten. Dieser Einfluss zeigt sich nicht nur in den Noten, sondern in der Art, wie Melodien sich verweben und oft die Eigenständigkeit der Stimmen über strenge Harmonik stellen.

Tunnacliffes Faszination für Kanons, insbesondere den schwer fassbaren Mensuralkanon, offenbart seine Vorliebe für musikalische Rätsel, die fast ins Mathematische reichen. Solche Übungen, historisch verwurzelt, werden im modularen Umfeld zu einem Experimentierfeld. Das Video zeigt, wie diese strengen Techniken sowohl kompositorische Gymnastik als auch Quelle kreativer Freiheit sein können – besonders, wenn sie durch die Brille moderner Ästhetik und Technologie betrachtet werden.

Den Ozean patchen: Modulare Techniken für Wellen und Gezeiten

Tunnacliffes Patch-Demonstration ist ein Tauchgang in die Übersetzung natürlicher Phänomene – konkret: Ozeanwellen – in modulare Klanglandschaften. Er konstruiert ein Drone-Stück aus drei unabhängigen ‚Subwellen‘-Stimmen, jede mit eigenem Zeitraum, Amplitude und Richtung. Mithilfe eines getakteten Sequenzers (USTA) weist er jeder Spur individuelle Längen zu, wodurch sich überlagernde Zyklen ergeben, die den unvorhersehbaren Rhythmus des Meeres nachahmen.

Jede Stimme wird durch einen eigenen Oszillator und Lowpass-Gate geführt, Amplitude und Panorama werden moduliert, um das Gefühl zu vermitteln, dass Wellen aus verschiedenen Richtungen ankommen. Die Summe der drei Pseudo-Sinus-Hüllkurven bildet eine ‚Timeline‘-Spannung, die wiederum klangliche Elemente wie Wavefolding und Filterdrive moduliert. Diese sich entwickelnde Spannung formt nicht nur den Bogen des Stücks, sondern löst bei bestimmten Schwellenwerten auch dramatische Ereignisse aus – etwa das ‚Brechen‘ der Wellen – gesteuert durch Compare-Funktionen und zusätzliche Module für perkussive und Rausch-Effekte.

Das Patch ist ein Lehrstück für emergentes Verhalten: Durch unabhängige Zyklen und deren Interaktion entsteht eine Komposition, die organisch fließt und schwillt – ganz wie der Ozean selbst. Die Demonstration zeigt sowohl die technischen Möglichkeiten der Modularsynthese als auch die kompositorische Denkweise, die nötig ist, um sie für strukturierte, stimmungsvolle Klanggestaltung zu nutzen.

Es ist ein einfaches Drone-Stück, eine stilistische Darstellung der offenen Ozeanswelle, bestehend aus drei unabhängigen Subwellen, jede…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Unthunk: Kollaboration und kollektiver Geist

Ich hatte das Gefühl, es ist zu viel von mir drin, also wollte ich beim aktuellen Projekt wieder mehr Sängerin LJ und Buff, den Drummer…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Das Unthunk-Projekt ist ebenso sehr von Zusammenarbeit geprägt wie von individueller Vision. Tunnacliffe beschreibt die Entwicklung von einem Solo-Vorhaben – er spielte Bass und engagierte Freunde als Studiomusiker – hin zu einem integrierten Kollektiv mit vielseitigen Mitwirkenden. Sängerin LJ, mit ihrer theatralischen Bandbreite, und Jazz-Schlagzeuger Buff, dessen nuanciertes Spiel den Sound der Gruppe prägt, sind zentrale Figuren.

Obwohl Tunnacliffe der Hauptkomponist bleibt, bringt der Input der Mitwirkenden neue Dimensionen in jedes Projekt. Der aktuelle Fokus auf Ozeanografie und die Schriften von Rachel Carson bieten einen thematischen Anker, doch es ist das Zusammenspiel der Persönlichkeiten und Instrumentalstimmen, das Unthunk seinen unverwechselbaren Charakter verleiht. Das Video unterstreicht, wie modulare Synthese keineswegs nur eine einsame Beschäftigung ist, sondern als verbindendes Element in einem größeren musikalischen Ökosystem dienen kann.

Zum YouTube Video:


Zum YouTube Video: